Schweizerische Heraldische Gesellschaft
Société Suisse d'Héraldique
Società Svizzera di Araldica

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Das neue Wappen der politischen Gemeinde Lengwil
Artikel aus Schweizer Archiv für Heraldik, Heft 2002-II

Am 1. Januar 1998 entstand im Rahmen der Gemeindereorganisation im Kanton Thurgau aus den beiden früheren Ortsgemeinden Oberhofen bei Kreuzlingen und Illighausen die Politische Gemeinde Lengwil. Diese führte vorerst in ihren Drucksachen die Wappen der beiden früheren Ortsgemeinden (Abb. 1 und 2).

Bald wurde erkannt, dass die neue Gemeinde im Verkehr nach aussen nur ein Wappen führen sollte. Am 31. Oktober 2001 stimmte die Gemeindeversammlung über die Annahme eines neuen Gemeindewappens ab. In diesem (Abb. 5) sind die beiden Motive der bisherigen Ortswappen vereinigt. Offenbar bestand der Wunsch, das erfolgreiche Zusammenführen der zwei bisher eigenständigen Körperschaften in eine neue im neuen Wappen zum Ausdruck zu bringen. Das soll mit den vier „Schweifen" ausgedrückt werden, die sich auf der Herzstelle des Wappenschildes treffen. Aus der Sicht der direkt betroffenen Einwohner darf die grafische Umsetzung für dieses historische Ereignis sicher als gelungen bezeichnet werden. Die eingefügte Spitze führt nicht bis zum oberen Schildrand damit die beiden anderen Felder nicht voneinander getrennt werden. Sonst würde der Eindruck entstehen, dass die beiden früheren Ortsgemeinden wohl auf dem Schild vereint sind, aber der politische Zusammenschluss sie doch nicht einander näher gebracht hätte. Das einmalige Ereignis der Vereinigung wird auf diese Weise recht gut ausgedrückt. Da die Spitze noch eingebogen ist, entsteht der Eindruck einer gewissen Dynamik, was den Vorgang der Fusion zusätzlich charakterisiert.

Aus heraldischer Sicht sind aber einige zum Teil gewichtige Vorbehalte zum neuen Wappen anzubringen:

Da ist einmal der Verstoss gegen die Farbregel, dass nicht Metall an Metall grenzen darf. Das Wappen ist halb gespalten von Rot und Silber und geteilt von einer erniedrigten, eingebogenen Spitze von Silber. Nun stösst also Silber an Silber, wobei die Felder durch eine schwarze Linie abgegrenzt werden.

Die „Schweife" sind keine heraldischen Motive. Normalerweise wird unter einem Schweif eher der Lichtstrahl eines Kometen oder der Schwanz eines Pferdes verstanden. Man kann im Wappen diese „Schweife" als eingebogene Keile oder notfalls als eingebogene Spitzen beschreiben, die ihrerseits wiederum einer eingebogenen Spitze aufgelegt sind. Erschwerend ist, dass diese „Schweife" nicht regelmässig verteilt sind, sondern in der Mitte ein etwa doppelt so breiter Abstand vorhanden ist als bei den übrigen Zwischenräumen.

Gemäss der Beschreibung des Wappens der ehemaligen Ortsgemeinde Illighausen muss der Schwan schreitend dargestellt werden. Das Schreiten ist aber bereits im Wappenbuch von Bruno Meyer über die Thurgauer Gemeinden nicht besonders stark ausgeprägt. Durch die proportional verkleinerte Darstellung im neuen Lengwiler Wappen könnte der Schwan auch als stehend interpretiert werden. Das Wappen der zürcherischen Gemeinde Horgen zeigt die schreitende Stellung des Schwanes deutlich (Abb. 3). Im Wappen der seit der Gemeindereorganisation ebenfalls aufgelösten Ortsgemeinde Dettighofen hingegen ist der Schwan in stehender Position dargestellt (Abb. 4).

Die Problematik der Rauten ist vom Autor bereits im Artikel „Die heraldischen Auswirkungen der Gemeindereorganisation im Kanton Thurgau" behandelt worden und muss nicht wiederholt werden. Die Rauten könnten den unteren Feldrand berühren.

Vor allem das Problem mit den „Schweifen" führt dazu, dass das neue Wappen der Gemeinde Lengwil nur schwer in der heraldischen Fachsprache zu beschreiben ist. Eine mögliche Blasonierung könnte etwa so lauten:

Halbgespalten und geteilt von einer eingebogenen Spitze.
Feld 1: In Rot drei seitlich aneinanderstossende silberne Rauten.
Feld 2: In Silber ein schreitender schwarzer Schwan mit rotem Schnabel und roten Füssen.
Feld 3: Die silberne Spitze belegt mit vier, je zwei zu zwei aus der rechten und linken Fussflanke kommende eingebogene schmale rote Keile, sich in der Spitze treffend.

Wie kann das Wappen verbessert werden? Eine sehr gute Wirkung ist bereits mit einer kleinen Änderung zu erreichen. Die senkrechte Teilungslinie ist durch die eingebogene Spitze bis zum unteren Schildrand zu ziehen und die Farben in der hinteren Hälfte zu vertauschen (Abb. 6). Mit dieser geringfügigen Korrektur wird nicht nur der Verstoss gegen die Farbregel behoben, sondern auch die Spitze mit einer bekannten Schildteilung heraldisch einwandfrei gestaltet. Weiter ist das Schreiten des Schwans deutlicher dargestellt. Die Blasonierung vereinfacht sich merklich:

Halbgespalten und geteilt von einer eingebogenen Spitze.
Feld 1: In Rot drei seitlich aneinanderstossende silberne Rauten.
Feld 2: In Silber ein schreitender schwarzer Schwan mit rotem Schnabel und roten Füssen.
Feld 3: Die Spitze von Silber und Rot eingewölbt geständert zu zehn Plätzen.

Nicht ein heraldisches, sondern ein grafischen Problem besteht im Zusammenlaufen mehrerer Linien in der Spitze, wo deswegen eine klecksähnliche Stelle entsteht. Dieser Umstand wirkt sich beim Herstellen einer genähten Fahne ebenfalls unvorteilhaft aus. Etwas entschärft wird dieser Nachteil, wenn die Spitze nicht in zehn, sondern nur in acht Plätze geständert wird, was ohnehin dem Standard entspricht (Abb. 7). Ob die Spitzen der Rauten bis zum unteren Feldrad gezogen werden (Abb. 8) liegt im Ermessen des Zeichners. Das Wappen mag ausgewogener erscheinen, wenn alle Rauten die gleiche Grösse aufweisen. Interessant ist, dass sich das optische Erscheinungsbild gegenüber dem offiziell geführten Wappen nur unwesentlich verändert. Erfreulich wäre, wenn die Politische Gemeinde Lengwil bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit ihr Wappen in eine heraldisch einwandfreie Form bringen würde.

Adresse des Autors: Hans Rüegg, Fingastrasse 2B, FL-9495 Triesen

 

Abb. 1

Wappen der früheren Ortsgemeinde Oberhofen bei Kreuzlingen

Abb. 2

Wappen der früheren Ortsgemeinde Illighausen

Abb. 3

Wappen der Gemeinde Horgen

Abb. 4

Wappen der früheren Ortsgemeinde Dettighofen

Abb. 5

Offiziell geführtes Wappen der Gemeinde Lengwil

Abb. 6

1. Verbesserung: Spitze geständert zu 10 Plätzen

Abb. 7

2. Verbesserung: Spitze geständert zu 8 Plätzen

Abb. 8

Variante: Untere Rautenspitzen bis zum Feldrand

 

Die Abbildungen 1, 2 und 4 sind dem Buch „Die Gemeindewappen des Kantons Thurgau" von Bruno Meyer (Frauenfeld 1960), die Abbildung 3 dem Buch „Die Gemeindewappen des Kantons Zürich" von Peter Ziegler (Zürich 1977) entnommen.