Die Helmzier

Vortrag vom 2. April 2004 am 777. Bott der Gilde der Zürcher Heraldiker

 

Heraldik ist averbale Kommunikation!

Diese These habe ich in keinem Lehrbuch der Heraldik gefunden. Aber wenn man ungefähr die ersten hundert Sätze über das Entstehen der Wappen auf eine einzige Aussage verdichtet, kann diese These entstehen.

Diese These war und ist auch Mission meiner Vorträge. Das Bildmaterial hat Vorrang vor allen Erklärungen und Erläuterungen. Wo immer möglich setze ich höchste Massstäbe an das auszuwählende Bildmaterial. Empirische Untersuchungen haben ergeben, dass optische Botschaften in Bildform gegenüber allen andern Wahrnehmungsformen wie Lesen und Zuhören in Bezug auf die Aufnahmefähigkeit und das Erinnerungsvermögen deutlich überlegen sind. Nur der Tastsinn ist in dieser Beziehung den Augen ebenbürtig.

Somit ist Heraldik wohl ein Paradebeispiel für eine averbale Kommunikationsform. Deshalb lege ich auch besonderen Wert auf eine möglichst brillante Projektion, was aber nicht bedeutet, dass ich die Technik verschmähe.

Bei der Wahl des Themas „Helmzier“ für meinen diesjährigen Vortrag war selbstverständlich auch wieder meine mir selbst gesetzte Mission wegleitend. Ich überlegte mir sogar, ob ein heraldisches Thema tatsächlich ohne irgendwelche gesprochenen oder geschriebenen Erklärungen vorgetragen werden könnte? Mit averbaler Kommunikation war ich schon vor vielen Jahren anlässlich einer averbalen Party der Freien Kunstschule Zürich konfrontiert.

Ich setzte eigentlich voraus, dass jeder Schildner weiss, was eine Helmzier ist, und glaubte, auf Erklärungen über die Entstehung und der Gebrauch verzichten zu können. Auch ich las vor vielen Jahren so ziemlich alle verfügbaren Lehrbücher über Heraldik und glaubte, eigentlich alles zu wissen. So gewissenhaft ich bin, vertiefte ich mich doch wieder in die wichtigsten Lehrbücher und fand, obwohl ich schon alle mindestens einmal gelesen hatte, immer wieder neue Aspekte und Facetten zum Thema „Helmzier“. So entschloss ich mich, für diesen Vortrag direkt aus diesen Lehrbüchern zu zitieren. Das Bildmaterial stammt bewusst nur zu einem geringen Teil aus diesen Büchern. Je länger ich mich mit diesem Thema auseinandersetzte, umso mehr Darstellungen zum Thema „Helmzier“ fand ich in meiner Bibliothek und im Internet. Das Bildmaterial folgt systematisch einem etwas andern Aufbau als der zitierte Text den Lehrbüchern von Ottfried Neubecker und Walter Leonhard. Zum besseren Verständnis ist das Bildmaterial teilweise mit eigenen Texten ergänzt. Im Laufe des Vortrages werde ich dann allerdings verstummen und nur noch die Bilder sprechen lassen.

 

Helmzier = Zier(de) des Helms

Zimier oder Helmzimier
abgeleitet vom französischen cimier

Helmkleinod

Kleinod gemäss Lexikon:
Schmuckstück, Kostbarkeit:
Wertvoller, feingearbeiteter Gegenstand

Über dem Helm befinden sich Helm und Helmdecke als weitere Elemente des Vollwappens. Über dem Helm erhebt sich als Persönlichkeitsabzeichen die Helmzier.

 

Zu Beginn gehe ich auf den Begriff näher ein und zeige, wie in Lexiken und Lehrbüchern der Begriff „Helmzier“ und seine Synonyme erklärt werden. Ergänzend erwähne ich auch noch, was generell und ohne Bezug auf die Heraldik unter dem Begriff „Kleinod“ verstanden wird: Schmuckstück, Kostbarkeit, wertvoller, feingearbeiteter Gegenstand.

 

Hilfskleinod:

 

Helmkleinod, das nur als Unterlage für sich wiederholende Schildbilder oder auch ganz neuer Wappenfiguren dient. Zu den Hilfkleinoden zählen:

Hörner, Flug, Schirmbrett, Köcher (Federköcher), Beutelstand, Helmkissen, Bannerfähnlein, Hüte.

Illustrationen aus
Walter Leonhard:
Das grosse Buch der Wappenkunst

 

 

Dann findet sich in der Fachliteratur der nach meiner Ansicht gründlich missratene Begriff „Hilfskleinod“. Mit Hilfskleinod assoziiere ich zwangsläufig Begriffe wie Hilfssheriff, Hilfslehrer, Hilfskoch – also eine Abwertung auf Anfängerstufe. Ich habe nichts dagegen, dass diese Kategorie der Helmzierden besonders bezeichnet wird. Aber diese Kategorie ist genauso kostbar und bewundernswürdig wie die anderen Helmzierden, die nicht zu den Kleinoden zu zählen sind, aber über keine eigene Gruppenbezeichnung verfügen. Dieses Beispiel zeigt, dass für Wortschöpfungen bzw. Begriffszuordnungen oft keine glückliche Hand im Spiel ist. So legte seinerzeit die Elite der Historikerzunft die Namen für die Geschichtsepochen wie folgt fest:

„Altertum“ bis zur Völkerwanderung und zum Untergang des weströmischen Reiches um 476 n. Chr. und „Neuzeit“ ab der Wiederentdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus am 12. Oktober 1492 oder der Eroberung Konstantinopels durch die Türken im Jahr 1453 oder auch dem Beginn der Reformation  im Jahr 1517. Die zwischen dem Altertum und der Neuzeit liegende Epoche wurde logischerweise aber nicht besonders phantasiereich mit „Mittelalter“ benannt. Damit wurde eigentlich eine Weiterentwicklung für das Einteilungssystem verbaut. Durch den Beginn der Französischen Revolution am 14. Juli 1789 entstand das Bedürfnis, die folgende Zeit als eine neue Zeitepoche zu betrachten. Als Namen für diese neue Zeitepoche – im Anschluss an die Neuzeit – wurde der phantasielose Name „Neueste Zeit“ gewählt – und das Mittelalter rutschte von seinem angestammten Platz in der Mitte auf den zweiten Viertel. Die Gretchenfrage lautet nun: Wie wird der nächste Zeitabschnitt benannt werden?

Doch nun zurück zur Heraldik. Ottfried Neubecker schreibt:

In der Blütezeit der Heraldik spielen die Helmzierden eine höchst dekorative Rolle. Um diese aber verstehen zu können, muss man sich klarmachen, was mit „Helmzier“ jeweils gemeint ist, und vor allem, ob sie im kriegerischen Gefecht, beim Turnier oder bei einer Leichenfeier getragen wird.

Die sich ergebenden technischen Probleme sind vielfältig, schon im Hinblick auf das dem Träger zuzumutende Gewicht und die Verlagerung des Schwerpunktes des Kopfes nach oben.

Die konischen Helme des 12. Jahrhunderts waren echte Kampfhelme, bei denen es auf den Schutz gegen feindliche Schwertschläge ankam. Wenn sie aus mehreren Blechen zusammengenietet waren, ergaben sich Nähte, die man leicht bestecken konnte, sei es mit Rosshaar, Federn oder auch einer festen Platte. Dass es so geschah, zeigen viele Siegel. Aber man konnte auch Zeichnungen auf die seitlichen Platten malen; ja man konnte auch das eine tun, ohne das andere zu lassen. Als Richard Löwenherz um 1195 sein zweites Grosssiegel als König von England gravieren liess, wurde er auf der Rückseite wiederum als Heerführer zu Pferde mit den auf die Normandie, Aquitanien und Anjou bezüglichen Titeln abgebildet, aber mit einem veränderten Wappenschild und, worauf es hier ankommt, mit einem anders als vorher konstruierten Helm. Dieser ist, wenn die vorhandene Abdrücke richtig interpretiert sind, nicht mehr nur konisch, sondern schliesst oben mit einem feder- oder rosshaarbesetzten Kamm ab, dessen Seitenfelder mit heraldischen Löwen bemalt sind. Sein Grossvater Gottfried Plantagenet hatte sich noch mit einem auf der Kopfbedeckung seitlich abgebildeten Löwen begnügt. Eine Helmzier im eigentlichen Sinn war das noch nicht.

Die Kampfbilder, die wir aus dem späten 12. Jahrhundert besitzen, etwa vom Sizilienfeldzug Kaiser Heinrichs VI., stimmen hiermit überein. Aber auch die fächerartigen Kämme finden Nachahmung; man konnte sie vergrössern und mit mehr oder weniger reichen Mustern versehen, es aber auch bei einer ebenso schlichten Farbteilung bewenden lassen, wie sie etwa der Wappenschild aufwies. Wegen der kammartigen Gestalt dieser primitiven Helmzierden heissen im Englischen alle Helmzierden crest, während in Deutschland nur eine aus diesen Kämmen entwickelte Helmzier eine auf den Ursprung hindeutende Bezeichnung trägt: „Schirmbrett“. Die Schirmbretter nehmen in der mitteleuropäischen Heraldik einen bedeutenden Raum ein. Sie können durch Rippen daran erinnern, dass sie einst Fächerartig waren; sie können auch ihrerseits mit Federn besetzt sein, sogar so, dass ein Vogelflügel imitiert wird. Der Phantasie sind dabei kaum Grenzen gesetzt.

Die zunehmende Prunkentfaltung bei den Helmen geht mit der ritterlichen Lebensführung einher, die in den höfischen Turnieren ihren Höhepunkt fand. Die Zeitgenossen empfanden die Aufbauten auf den Helmen als kunstvolle Dekorationen und nannten sie in Deutschland mit einem schmückenden Wort „Kleinod“ oder „Zimier“ nach dem französischen Wort cimier, das von cime (Gipfel) abgeleitet ist. Die bildlichen Darstellungen aus dem Mittelalter müssen in jedem Fall darauf überprüft werden, ob sie einen tatsächlichen oder einen idealen Zustand wiedergeben. Dies gilt in gewissem Sinn bis heute: Zeremonielle Gewandung für bestimmte Personen, die nur theoretisch getragen werden könnte, wird bis in unsere Tage auf Repräsentationsbildern vollständig dargestellt.

Die sich um 1300 durchsetzende Form des Kübelhelms erlaubte, aus dem nun wieder mehr konischen Helmdach stärker räumlich gebildete Helmzierden zu entwickeln, ohne die vorherigen Typen fallenlassen zu müssen. Modische Veränderungen kommen hinzu; aus flachen Hüten werden mit der Zeit Spitzhüte, daraus später Kegel und daraus wieder Köcher; erhalten bleibt dann, dass obenauf ein Pfauenfederbusch steht, wie überhaupt Pfauenfedern ein ausserordentlich beliebtes Element in Helmzierden wurde, teils als ganzer, zum Rad geschlagenen Schwanz, teils als Busch. Federn finden sich aber auch als Besatz an den Aussenkanten von Helmzierden, nicht nur bei den gewohnten Stierhörnern, sondern – besonders in Süddeutschland und in der Schweiz – auf einem besonderen Kamm am Rücken einer plastischen Tiergestalt –auch menschliche Körper – werden immer beliebter und zwar vorzugsweise der Oberkörper, der dann als „wachsend“ blasoniert wird, oder auch ohne Vorderbeine oder Arme, was dann „Rumpf“ genannt wird, obwohl der Kopf nicht fehlt. In den französischen Blasonierungen, die sonst als Modell für anderssprachige dienen können, gibt es hierfür keine Kurzform, man muss die Umschreibung „tête et col“ verwenden, nicht etwa das Wort „torse“.

Die Gestalt der Helmzier wirkt sich auf die grafische Darstellung aus. Der in Wirklichkeit getragene Helm konnte von allen Seiten betrachtet werden; die Übertragung auf das geduldige, aber auch unbewegte Papier erfordert die Überlegung, wie die günstigste Gesamtwirkung erzielt werden kann, wenn man davon ausgeht – und das soll man bis heute -, das die Achse oder Richtung der Helmzier mit der des Helms übereinzustimmen hat. Das galt schon für den Topfhelm und blieb so beim Kübelhelm. Beide Helme lassen sich im Profil wie in Vorderansicht leicht darstellen. Besteht die Helmzier nur aus einer einzelnen Figur, etwa einem Ast, ist es gleichgültig, welche Ansicht der Helm bietet, denn ein Ast kann von allen Seiten gleich gut wiedergegeben werden. Das gilt in noch stärkerem Masse für die auf einem Schaft aufgebauten Glockenspiele oder ähnlichen Automaten, die in späteren Jahrhunderten oft missverstanden wurden. So ist aus einem Reif mit anhängenden Zaddeln oder Lappen ein Kamm geworden, für den man dann sogar nachträglich noch ein Stallmeisteramt erfand.

Mit der Zeit dehnte sich die Wappenkunst weiter aus auf eines der dankbarsten Elemente, die man Schild und Helm (mit seiner Helmzier) als zwei verschiedene Dinge betrachtete, weswegen kein Anstoss daran zu nehmen war, wenn sie einmal nebeneinander angeordnet wurden statt übereinander, wie es sich entsprechend dem gewohnten Erscheinungsbild eingebürgert hatte. Die Helmdecke, wie gesagt, anfänglich nur ein den Helmnacken bedeckendes farbiges Tuch, dürfte – das ist jedenfalls die allgemeine Auffassung – ihren Ursprung dem heissen Klima am Vorderen Orient verdanken. Ob ein Stück Tuch wirklich die ersehnte Kühlung verschaffte, muss bezweifelt werden, eher muss man annehmen, dass ein mechanischer Nackenschutz wie an modernen Feuerwehrhelmen angestrebt wurde. Wie dem auch sei, die moderne Regel, wonach die Helmdecke farblich mit dem Schildinhalt oder der Helmzier übereinstimmen soll, findet in der Blütezeit der praktischen Heraldik keine Stütze. Im Gegenteil: Eine so aufschlussreiche Materialsammlung wie das Wappenbuch des Herolds „Gelre“ lässt alle Möglichkeiten zu; die Helmdecke wirkt wie ein Mäntelchen, ist etwas länger als der Helmnacken, die Kanten können auch gezaddelt sein. Eine Innenseite wird nur selten durch Herumklappen bei seitlich stehenden Helmen, etwas öfter durch Einblick zu beiden Seiten eines frontal stehenden Helmes sichtbar. Die Helmdecke wird trotz ihrer Knapppheit hier schon als grafischen Element verwertet, eine Möglichkeit, die bis dahin kaum wahrgenommen worden war. In der Wappenrolle von Zürich sind die Helmdecken fast nur Nackenkapuzen; aber als naturaltistisch anzusehende Reitersiegel und andere Kleinkunsterzeugnisse lassen Bemühungen erkennen, das Flattern eines an der Schädeldecke des Helmes befestigten längeren Tuches wiederzugeben.

Solche realistischen Tendenzen setzen sich immer wieder durch. Man strebt danach, die Helmdecke in Ruhestellung aufgebunden abzubilden, wobei man die Wahl hat, ob man sie nach einer Seite weggehängt oder nach hinten frei abfallen auffassen will. Was heute als Regelfehler verpönt ist, ein frontal stehender Helm mit seitlich hochgeschürzter Helmdecke, war in der Blütezeit nichts Ungewöhnliches. Je mehr die Wappenführung sich von der Waffenpraxis auf die grafische Ebene verlagert, umso stärker gewinnen die Erscheinungsformen der Textilmode Einfluss auch auf die Helmdecken, die – von kurzen „Verirrungen“ abgesehen – stets als aus Stoff aufgefasst wurden. So gewinnt die Helmdecke eine grafische Funktion, die ihr nicht aus ihrem Ursprung, sondern aus den Kunstströmungen aller Epochen zufliesst.

Mit dem Anwachsen des Nationalbewusstseins veränderte sich auch das soziale Gefüge und folglich auch seine sichtbare Erscheinungsform. Das machte sich in der Bewertung der Helmzier in auffälliger Weise bemerkbar.

In Italien, dem Lande, das als das Stammland der Renaissance betrachtet werden kann, waren bis um 1500 die Helmzierden ausserordentlich eindrucksvoll entworfen und ausgeführt. Grosse Familien wetteiferten in der Erfindung verschiedener Helmzierden für verschiedene Anlässe; so führten die Visconti entweder die gleiche Schlange auf dem Helm, die sie auch im Schilde führten, oder gleichzeitig auch einen roten Baum. Die gotischen Formen gestatteten nicht nur die Führung von Helmen mit ihrer Zier ohne Beifügung des Schildes, sondern auch ein optisches Übergewicht, vor allem, wenn an der Stelle des Schildes eine Tartsche trat.

In Frankreich wurde mit den cimiers zwar nicht der gleiche grafische Aufwand getrieben wie in Italien, nicht der gleiche Kult wie in Deutschland, sie wurden auch nicht separat bewertet wie in England, man wandte aber doch – wenigstens im Königshause – restriktive Regeln an.

Die Söhne der Könige von Frankreich und die übrigen princes des fleurs-de-lis setzten kleine Federbüsche auf die Lilie der Helmzier, und die zahlreichen Bastarde der Könige von Frankreich und der Herzöge von Burgund hatten, selbst wenn sie legitimiert waren und ein Wappen führen durften, das dem ihres Vaters stark ähnelte, keinen Anspruch auf ihres Vaters Helm.

Die sich darin ausdrückende Wertschätzung des Helmes geht mit der Ritterzeit unter, auch in Deutschland. Doch bleibt der Helm mit seiner Helmzier wenigstens ein in einem Vollwappen wesentlicher Bestandteil. Im 14. Jahrhundert spielte es allerdings eine weit grössere Rolle in der deutschen Heraldik als je in England, wo die Heraldik eine ganz eigene Entwicklung einschlägt.

Seit etwa 1230 stand der Helm mit der Helmzier in Deutschland in so hohem Ansehen, dass er anstelle des Wollwappens als Siegelbild auftrat; bis dahin hatte man nur wenig Hemmungen gehabt, die Helmzier nach Gefallen zu verändern. Die rechtliche Bedeutung der Siegel steht ausser Zweifel; das Bild darauf muss also dieser Bedeutung entsprechen. So gewinnt man Interesse daran, die Rechtmässigkeit des Siegelbildes beweisen zu können, und dazu kann eine Kaufurkunde dienen. Wir kenne tatsächlich einige Urkunden über Helmkäufe und –verkäufe; zu den prominentesten gehört der Kauf der aus einem Brackenrumpf bestehende Helmzier durch Friedrich von Hohenzollern, Burggrafen von Nürnberg, der am 10. April 1317 an den verhältnismässig unbedeutenden Herrn Leutold von Regensberg 36 Mark Silber (das sind etwa 9 kg) bezahlt hat. Die so erworbene Berechtigung schlägt sich in einem 1354 belegten Helmsiegel nieder.

Die Wertschätzung des Helmes mit der Helmzier kommt am deutlichsten bei der Helmschau zum Ausdruck, die eine strenge Prüfung als Auslese darstellte. Gemäss dem Turnierbuch des Königs René mussten die Kandidaten sich anscheinend nur dem schönen Geschlecht gegenüber tadelfrei verhalten haben, in Deutschland aber, wo rauere Sitten herrschten, kam es darauf wohl weniger an. Gefragt wurde dort nicht nach dem Benehmen, sondern nach der Herkunft, also der Abstammung von turnierfähigen Vorfahren. Und keineswegs jeder Kandidat bestand die Prüfung. Wen der Herold abgelehnt hatte, dessen Helm warf ein Persevant buchstäblich heraus. Konrad Grünenberg sieht aber auch eine schonendere Behandlung vor, er schreibt: „In solcher Gestalt schaut man die Helm und welcher nicht Genoss ist, den heisst man sein Kleinod abtragen, damit er nicht geschmäht werde.“

Mit der hohen rechtlichen Einschätzung des Helmes in Deutschland hängt es auch zusammen, das es – von geringen Ausnahmen abgesehen – nur hier für möglich gehalten wird, mehr als einen Helm auf einen Schild zu setzen. Es kommt nicht darauf an, so argumentiert man, dass man nur einen Kopf hat, sondern darauf, dass jeder Helm ein Recht repräsentiert, das auch im Schilde vertreten ist. Hatte man sich im 15. Jahrhundert gescheut, alle seine Rechte in einem einzigen Schild zusammen darzustellen, und lieber einen Kranz von Schilden um einen verhältnismässig sparsamen Schild gruppiert, so nahm man bei den Helmen zunächst die Gelegenheit wahr, zwei Helmzierden auf einem einzigen Helm zu kombinieren, wenn das technisch möglich war. Da diesen Kombinationsmöglichkeiten Grenzen gesetzt sind, ist bei Geschlechtern höheren Ansehens, die Wert auf Prestige und Repräsentanz legen mussten, oft genug zur Vermehrung der Helme gegriffen worden.

 

Walter Leonhard schreibt in seinem „Grossen Buch der Wappenkunst“:

 Helmzier oder Helmkleinod ist die wappenmässige Bezeichnung für jenen typischen Helmschmuck, durch den der Waffenhelm seine besondere Bedeutung als heraldischer Helm oder Wappenhelm erlangt. Helm und Helmzier bilden demnach eine untrennbare Einheit, zumindest in der deutschen Heraldik. Die Helmzier dient ursprünglich zur Identifizierung einer Einzelperson, die als Glied eines bestimmten Geschlechts durch den Wappenschild ausgewiesen wird. Sie ist also dem Sinn  nach ein Persönlichkeitszeichen. Frühe und vollwertig anerkannte Siegel, die lediglich einen Helm mit Helmzier aufweisen, liefern erste Beweise für diese selbständige, neben dem Wappenschild bestehende und wie dieses seinen Inhaber repräsentierende Kennzeichen. Ein weiterer wichtiger Beweis für die Behauptung, dass die Helmzier ein Persönlichkeitszeichen darstellt, ist die jedem Turnier vorausgehende Helmschau zum Nachweis der Ritterbürtigkeit und der Turnierbefähigung der einzelnen Teilnehmer. Erst mit der Ausweitung des Wappenwesens und der Wappenführung etwa ab Mitte des 13. Jahrhunderts werden Helm mit Helmzier und Wappenschild zum Vollwappen vereint. Die Erblichkeit erstreckt sich von nun an nicht mehr auf den Schild allein, sie schliesst auch die Helmzier ein. Diese Tatsache setzt naturgemäss ihre Einmaligkeit und Beständigkeit voraus. Und damit ergeben sich zugleich weitere Unterscheidungsmöglichkeiten für das gemeinsam geführte Stammwappen eines Geschlechts.

Die bleibenden und vererblichen Helmzierden stehen in der Regel mit dem Schildinhalt, mehr aber noch mit den Schildfarben, in irgendeiner Beziehung. Völlig fremdartige und mehrmals wechselnde Bildmotive, eher noch farbige Zusammenhänge, sind dagegen in Wappen aus der Zeit der lebenden Heraldik zahlenmässig stark vertreten. Stichhaltige Gründe dafür sind vor allem die kurze Lebensdauer, eine Folge ihrer Zerbrechlichkeit, und der häufige, totale Verlust beim Turnier, ferner die Freiheit der Wappenwahl und der Wappenannahme, das Fehlen heraldischer Regeln und Gesetze und der amtlichen Kontrolle und Registrierung. Gewichtige Gründe sind auch persönliche Wünsche und Überlegungen. Einwirkungen von aussen, die Vorliebe für ein bestimmtes Motiv, eine Laune oder ein spontaner Einfall, besonders Ereignisse und Umstände, aber auch stilistische und modische Einflüsse. So kann ein fremder Wappenhelm durch Einheirat, Erbschaft oder Kauf erworben, mit dem eigenen Schild ebenso vereinigt sein wie der eigene Helm mit einem fremden Schild. Die Helmzier kann als besondere Auszeichnung verliehen, eine Amtsgewalt oder gewisse Privilegien damit verbunden sein. Mit ihr werden der Umwelt diese Gnadenerweise, Verdienste, Befugnisse oder Rechte präsentiert.

Bei redenden Wappen den Namen nicht in Beziehung zum Schildinhalt sondern zur Helmzier zu setzen, hat sich bis in die Gegenwart bewährt. Die Ausdrucksmöglichkeiten sind grösser, der Schild wird nicht mit Figuren überladen und zugleich ein weiteres Unterscheidungsmerkmal bei allzu häufigen und ähnlichen Schildmotiven geschaffen.

Die Schwierigkeit, Helmzierden auf dem flachen Topfhelm, eher schon auf dem glockenförmig gewölbten, dauerhaft zu verankern, führt zwangsläufig zu unterschiedlichen Befestigungsarten. Einzelne mit geeigneter Auflage sitzen auf dem Helmdach. Zwei gleiche sind rechts und links befestigt, mehrere um den Helm, und einzelne sogar in der Mitte geteilt und seitlich montiert. Helmzierden aus dieser frühheraldischen Zeit sind auch dementsprechend klein. Bedeutend grösser, dominierender und attraktiver sind sie zur Zeit der Hochgotik. Der unförmige Kübelhelm zwingt direkt zur Verschönerung und erleichtert zugleich die Befestigung selbst grösserer Gebilde auf dem abgestumpften, konischen Helmdach. Die schönsten heraldischen Formen , ausgereift und phantasievoll, in harmonischer Proportion zum Stechhelm, bringt die Spätgotik. Übernatürlich gross, bizarr, häufig auch mit natürlichen Elementen durchsetzt, werden sie erst mit dem Ende der Turniere im prunkliebenden Zeitalter der Renaissance Helmzierden einer reinen Kanzleiheraldik, die als plastischer Aufbau auf dem Helm kaum zu verwirklichen sind. Mit dem Aufkommen der Rang- und Würdezeichen werden Helm und Helmzier mehr und mehr vernachlässigt und bleiben schliesslich in kümmerlichen Formen auf Wappen bürgerlicher Geschlechter beschränkt. Erst mit der Erneuerung der alten Heroldskunst erlangt auch die Helmzier ihre ursprüngliche Bedeutung zurück und wird ebenso sinnvoll verwendet.

Leinwand, Tuch, Pappe und Leder, leichtes und gut verformbares Material, aber auch echte Tierfelle, bilden die geeigneten Werkstoffe für die Herstellung der im Turnier verwendeten Helmzierden. Der plastische Aufbau ist über ein Holz- oder Drahtgerüst modelliert, das zugleich die Befestigung auf dem Helm ermöglicht. Zur Füllung des Hohlkörpers dienen Werg, Schwämme oder Sägemehl. Unter der Farbe liegt eine dünne Kreide-Leim-Grundierung. Für den schweren Helm ist diese leichte Bauart gewichtsmässig von grossem Vorteil. Ein nicht minder grosser Nachteil ist jedoch die kurze Lebensdauer. Daher sind wirklich getragene Helmzierden aus der Zeit der lebenden Heraldik so gut wie nicht erhalten.

Die Zahl und Verschiedenheit der in Wappendarstellungen überlieferten Helmzierden ist nicht geringer als die der Schildfiguren. Einzelne besonders beliebte Motive, erscheinen häufiger, andere nur vereinzelt. Hörner, Flüge und Rümpfe von Menschen und Tieren überwiegen bei weitem. Hörner, stets getrennt und paarweise an den Schläfenstellen des Helms oder auf dem Helmdach angebracht, sind typische Helmzierden der deutschen Heraldik. Halbmondförmig, gedrungen und spitz zulaufend wie Stierhörner ist ihre Form zur Zeit der Frühgotik, schlank und lyraförmig geschweift wie grosse Ochsenhörner während der Spätgotik. Nach dem mundstückartig erweiterten Ende werden sie fälschlich Elefantenrüssel genannt. Seit frühester Zeit sind Hörner seitlich und am Ende zusätzlich mit kleinen Schmuckelementen besteckt. Allgemein verbreitet und ebenso zahlreich sind Flüge, einzeln im Profil auf dem Scheitel oder paarweise frontal zu beiden Seiten des Helms. Sie sind mehr oder weniger naturgetreu gestaltet, die älteren aus geflochtenen Leisten geformt und mit natürlichen, oft eingefärbten Federn besteckt, die jüngeren aus Leder, Holz oder Blech, in Flügelform zurechtgeschnitten und mit Federn bemalt. Echte Flügel, Adlerschwingen, sind mit wenigen Ausnahmen ein Produkt der Papierheraldik. Hörner und Flüge zeigen vielfach Schildteilungen und dazwischen häufig eine Wiederholung der Schildfigur in plastischer Form. Alle Arten und Formen von gemeinen Figuren, natürliche und künstliche, kehren in ihrer Vielfalt auch als Helmschmuck wieder, vor allem Menschen, Tiere und einzelne Köperteile. Sie bilden seit dem 14. Jahrhundert jene interessante Gruppe von Helmzierden, in denen die unerschöpfliche mittelalterliche Phantasie geradezu übersprudelt. Den Anfang machen Köpfe aller Art, Köpfe von Menschen und Tieren und Ungeheuern, vielfach wie eine Riesenmaske über den ganzen Helm gestülpt – furchterregend und grotesk. Wenig später sitzen die Köpfe auf überlangen Hälsen, aus denen sich Ende des 14. Jahrhunderts die meist armlosen Rümpfe entwickeln, mit ihren abnormen Kopfbedeckungen und allerlei phantastischem Beiwerk oft seltsame Gebilde voller Ironie und Komik. Allerdings sind jene Spottfiguren, wie sie beim Schimpf- und Fastnachtsrennen getragenen, kein wappenmässiger Helmschmuck. Zusätzlicher Schmuck vieler Tierrümpfe ist ein über den Rücken laufender, mit kleinen gleichartigen Figuren besteckter, kammähnlicher Grat.

Vom Spieltrieb und der Erfindungsgabe zeugen Helmzierden mit Glocken oder Schellen und allerlei mechanische Kunstwerke, die sich im leisesten Luftzug drehen und bewegen. Kein echt heraldische Helmschmuck sind Federn aller Art. Ihnen fehlt die erforderliche Unterscheidungskraft. Sie zählen daher zu den reinen Schmuckkleinoden. In ältester Zeit Pfauenfedern als Federstoss oder geschlossenes Federbündel auf den Wappenhelmen des Hochadels, Hahnenfedern meist als zusätzlicher Schmuck anderer Figuren und Straussenfedern als Träger der Schildfarben. Diese stehen stets aufrecht mit gesenkten Enden. Straussenfedern dürfen niemals vom Helm wallen, wie dies vielfach in heraldisch schlechten Wappenmalereien des Barock und des 19. Jahrhunderts der Fall ist.

Eine Hauptregel der Heraldik fordert, dass die Helmzier stets fest auf dem Helm verankert sein muss. Einzelne Figuren auf dem Scheitelpunkt des Helmdachs, paarig rechts und links davon, beim Topf- und Kübelhelm auch an den Seitenteilen. Für die Farbgebung stehen sowohl die echten Farben als auch die beiden Metalle zur Verfügung. Eine Begrenzung der Farbwahl besteht nicht. Ist die Helmzier eine Wiederholung der Schildfigur, so ist das Farbproblem an sich schon gelöst.

In der englischen Heraldik erlangt die Helmzier eine besondere und vielfach selbständige Bedeutung. Unter dem Namen „crest“ erscheint sie bereits in älteren Wappen ohne Helm und Helmdecken unmittelbar über dem Wappenschild, und schliesslich sogar ohne diesen als vorrangig geschaffenes, eigenständiges heraldisches Abzeichen, freistehend auf einem streng stilisierten, stets horizontal gelegten Wulst in den Farben des Schildes oder denen der Helmdecken. Der crest als ein dem Wappen gleichwertiges Abzeichen zu führen, bleibt jedoch ein heraldischer Einzelfall.

 

 Hier geht es zu den einzelnen Kapiteln mit dem Bildmaterial

 

 

  

Vorläufer der heraldischen Helmzier

 

  

Die ältesten Belege

 

  

Wie ist die Helmzier auf dem Helm befestigt?

 

  

Helmschau und Turnier

 

  

Beispiele von Helmzieren

 

  

Auszüge aus Conrad Grünenberg's Wappenbuch

 

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Hans und Maria Rüegg
LI-9495 Triesen